Berlin: Nach einer Untersuchung des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zu Antibiotikaeinsätzen in Puten-Hochleistungszucht­betrieben hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Länder und den Bund aufgefordert, Kontrollen zu verstärken und illegalen Antibiotikabehandlungen unverzüglich einen Riegel vorzuschieben. 92 Prozent der untersuchten Puten bekamen der Studie zufolge Antibiotika verabreicht. Mehr als jeder fünfte Einsatz erfolgte mit Mitteln aus der Gruppe der Reserveantibiotika. Zudem wurden Antibiotika ohne Zulassung für Puten eingesetzt. In einem Teil der Fälle liegt der Verdacht auf illegale Antibiotikaeinsätze nahe. Nach Angaben des BUND ist davon auszugehen, dass in Hochleistungszuchtbetrieben auch in anderen Bundesländern ähnliche Praktiken an der Tagesordnung seien. Daher müssten Bund und Länder nun sofort handeln und mit strengeren Vorgaben im Tierschutz und Arzneimittelrecht die Antibiotikaeinsätze in Massentierhaltungen endlich wirksam senken, so der BUND.
BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning warnte vor der Entwicklung von Resistenzen bei einem übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Fleischproduktion und einer schlimmstenfalls tödlichen Gefahr für Menschen. Reserveantibiotika seien oft die letzte Rettung vor lebensgefährlichen Erkrankungen. Rund zwei Drittel der gesamten Antibiotikamengen in Deutschland würden in der Intensivtierhaltung eingesetzt. Die bisherige Strategie der Bundesregierung zur Senkung von Antibiotikaeinsätzen im Stall kritisierte Benning als „viel zu lasch“. „Ein Schludern kann Menschenleben kosten. Wer jetzt noch mit verbindlichen Regeln für mehr Tierschutz und für weniger Medizin im Stall wartet, bis die Antibiotika-Datenbank mit all ihren Webfehlern irgendwann erste grobe Ergebnisse liefert, ist mitverantwortlich dafür, dass Antibiotika auch in der Humanmedizin an Wirkung verlieren“, warnte Benning.
Der NRW-Untersuchung zufolge erhielten Hochleistungstiere an bis zu 77 von 100 Masttagen und durchschnittlich an 23 Tagen Antibiotika, teils mehrere Wirkstoffe gleichzeitig. Dennoch erreichte jedes zehnte Tier den Schlachthof nicht lebend. „Die Untersuchung offenbart die täglichen Katastrophen im krankmachenden System der Massentierhaltung“, sagte Benning. Für die häufigen Krankheiten seien vor allem die Haltungsbedingungen verantwortlich. „Wenn 70 Prozent der Tiere an Verdauungsstö­rungen leiden, ist das Futter ungesund. Wenn ein Fünftel der Tiere Atembeschwerden hat, ist die Luft in der deutschen Putenhaltung nicht artgerecht. Und wenn es insgesamt mehr als neun von zehn Puten so schlecht geht, dass sie Antibiotika benötigen, müssen Gesetze dafür sorgen, dass solche Tiere erst gar nicht gezüchtet werden“, sagte Benning.
Bisher fehlten gesetzliche Tierschutzregeln für die Putenhaltung. Die freiwilligen bundeseinheitlichen Vereinbarungen der Putenfleischwirtschaft erlaubten bis zu sechs Tiere auf einem Quadratmeter zu halten. „Selbst diese lasche Obergrenze wird, wie die NRW-Studie gezeigt hat, in einem Fünftel der Fälle noch überschritten“, kritisierte Benning. „Das muss sofort geändert werden, um einen wirksamen Tierschutz zu etablieren“, forderte Benning. Außerdem gelte es Reserveantibiotika aus der Massentierhaltung vollständig zu verbannen wie bereits in Dänemark und den Niederlanden geschehen.

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