Berlin: Wenn das Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada wie geplant „vorläufig“ angewendet wird, kann daraus ein Dauerzustand werden. Der Grund: Selbst wenn ein nationales Parlament den CETA-Vertrag nicht ratifiziert, könnte das Abkommen trotzdem weiter angewendet werden. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Völkerrechtlers Prof. Wolfgang WeiĂź von der Universität Speyer. „Die ‚vorläufige‘ Anwendung des CETA-Vertrags macht die nationalen Ratifikationen zum sinnentleerten Geschehen“, kritisierte WeiĂź. Die EU-Kommission plant, das Freihandelsabkommen CETA als Ganzes „vorläufig“ in Kraft zu setzen, noch bevor eines der nationalen Parlamente der EU darĂĽber abgestimmt hat.
Um die „vorläufige“ Anwendung des CETA-Vertrages zu stoppen, starten die Organisationen BUND, Campact, Greenpeace, foodwatch und Mehr Demokratie eine gemeinsame E-Mail-Petition an Sigmar Gabriel. Darin rufen sie den Wirtschaftsminister dazu auf, einem entsprechenden Beschluss im EU-Ministerrat nicht zuzustimmen. „Sonst werden Parlamente zu nachgeordneten Notariatsstuben degradiert“, kritisierte Roman Huber, geschäftsfĂĽhrender Bundesvorstand von Mehr Demokratie. „Das geplante Vorgehen der EU-Kommission ist verfassungsrechtlich mit guten Chancen angreifbar.“
CETA greift als Freihandelsabkommen einer neuen Generation massiv in das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger ein. Dabei ist das europäisch-kanadische Abkommen keineswegs harmloser als TTIP, der noch nicht fertig verhandelte Vertrag zwischen EU und USA. Beide hätten erhebliche Auswirkungen auf europäische Standards zum Schutz von Umwelt und Verbrauchern.
Das Vorsorgeprinzip – ein Kernprinzip des Gesundheitsschutzes der EU – ist mit CETA gefährdet. Auf den rund 1.600 Seiten des Vertrages werde es nicht ein einziges Mal erwähnt, kritisierte Matthias Flieder, Handels-Experte von Greenpeace: „Bisher ermöglicht es das Vorsorgeprinzip, Gentechnik, Pestizide und Chemikalien zu verbieten, solange Risiken fĂĽr die Gesundheit nicht klar ausgeschlossen sind. Das wäre mit CETA kaum mehr möglich.“
Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund fĂĽr Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sagte: „Die EU-Kommission hat es versäumt, in CETA das Vorsorgeprinzip zu verankern. Standards zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt stehen bereits jetzt unter Beschuss, wie wir am Beispiel hormonell wirksamer Schadstoffe erleben. Kommt CETA, so wĂĽrde das Vorsorgeprinzip vollständig ausgehebelt werden – ein Super-GAU fĂĽr Verbraucher und Umwelt.“
Im CETA-Vertrag werden zudem AusschĂĽsse gebildet, deren Befugnisse demokratisch nicht legitimiert sind und die in die Regelungshoheit von Bundestag und Bundesrat eingreifen. Selbst wenn nur Teile von CETA „vorläufig“ angewendet werden, bekommen die BĂĽrgerinnen und BĂĽrger die Konsequenzen zu spĂĽren, noch bevor ihre Repräsentanten, die Parlamentarier, darĂĽber abgestimmt haben. „Das höhlt unsere Demokratie aus“, sagte Maritta Strasser, verantwortliche Campaignerin bei Campact. „Es ist deshalb wichtig, dass so viele BĂĽrgerinnen und BĂĽrger wie möglich unsere Petition an Minister Gabriel unterschreiben.“
Dass die „vorläufige“ Anwendung geradezu absurde ZĂĽge annehmen könnte, zeigt ein Video der ZDF-Macher von „Die Anstalt“. In einem eigens fĂĽr das BĂĽndnis produzierten Sketch nimmt Max Uthoff als „CETA-Lobbyist“ das Freihandelsabkommen aufs Korn. „Wir freuen uns sehr ĂĽber diese bitterböse Satire, die CETA auf die Spitze treibt“, so foodwatch-GeschäftsfĂĽhrer Thilo Bode. „Leider ist das geplante Abkommen mit Kanada alles andere als ein SpaĂź. Wenn die ‚vorläufige‘ Anwendung erst einmal vom EU-Ministerrat abgesegnet wurde, kann aus ‚vorläufig‘ schnell ‚endgĂĽltig‘ werden.“
Mehr Informationen
- Jetzt Protestmail an Bundesregierung verschicken
- Gutachten zur „vorläufigen“ Anwendung (PDF)
- Video „Max Uthoff als CETA-Lobbyist“
- Es geht erneut auf die StraĂźe gegen CETA und TTIP
- Pressekontakt: Annika Natus, BUND-Pressereferentin, Tel. (0 30) 2 75 86-464, presse@bund.net